Keine Angst mehr vor der „Kapitale des Kopfsteinpflasters“ – Ein innovatives Tool zeigt neue Wege für entspanntes Radfahren

Kapitale (Hauptstadt) des Kopfsteinpflasters klingt wohl nicht so toll wie etwa der informelle Titel Geburtenhauptstadt, mit dem sich die Landeshauptstadt so gerne schmückt. Für Dresdner Radler bahnt sich eine sensationelle Entwicklung an, die ich hier erstmals vorstellen darf. Unter dem sperrigen Titel „Street Quality Measurement Tool“ haben junge Wissenschaftler der TU Dresden ein Werkzeug  für den Radleralltag entwickelt, das aber noch viel mehr zu bieten hat als nur eine bequeme Radroute anzuzeigen.

Zum Jahreswechsel habe ich mal meine Datenbank angeworfen und herausgekommen ist zunächst dieses Bildschirmfoto.

Kopfsteinpflaster in Sachsen

Auf der Grundlage von SRTM-Höhendaten sieht man hier eine Openstreetmap-Auswertung von „surface = cobblestone“ für den Freistaat Sachsen. Unter oft geflicktem Asphalt verbirgt sich zumeist noch Pflaster, das in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt ist.

„Kopfsteinpflaster gehört zu Dresden“, mit diesen Worten verteidigte letztes Jahr ein Stadtromantiker dieses wertbeständige Material. Für Alte und Mobilitätseingeschränkte, Radfahrer und viele, viele Ohren ist es hingegen eine Zumutung. Jeder dritte Dresdner ist nach Lärmausbreitungskarte lärmgeschädigt. Laut kommunaler Bürgerumfrage ist für jeden zweiten Dresdner Lärm das größte Problem. Dennoch findet man den Belag immer noch auf Hauptstraßen und Anliegersammelstraßen, wo ich ihn mit Priorität ersetzen würde. In den Wohngebieten sollte man stärker differenzieren, schließlich setzt Pflaster ästhetische Akzente, der Ausbau ist teuer. Stattdessen macht man in Sanierungsgebieten Tabula rasa, wie jüngst bei der Luxussanierung der Kiefernstraße im Hechtviertel. Dort stören mich die oberflächenglatten Betonplatten, die – im Mix mit Natursteinpflaster –  für Fußgänger und Radfahrer bei Nässe, Schnee- und Eisglätte kreuzgefährlich sind.

Bildschirmfoto vom 2014-01-09 18_00_12

Die hier im Bildschirmfoto dargestellte Lösung wird es demnächst als Smartphone-App geben. Das heißt, vor Fahrtantritt oder während der Fahrt kann man prüfen, wie komfortabel der geplante Weg sein wird. In vier Qualitätsstufen wird der Fahrbahnbelag visualisiert. Bieten sich freundlichere Wege an, kann man diese bevorzugen. Auch ist eine wesentlich differenziertere Erfassung der Oberflächenqualität als mit dem Tag smoothness von OpenStreetMap möglich.

Der Clou, die Messdaten werden fortlaufend von einer Nutzergemeinschaft  per Smartphone ermittelt und durch besondere Algorithmen mit hoher Genauigkeit auf die Straßengeometrie zurückprojiziert. Die Daten sind stets aktuell, natürlich öffentlich, dürfen und sollen von der Straßenbauverwaltung und Verkehrsplanung genutzt und von der Stadtpolitik und Bürgeröffentlichkeit kontrolliert werden. In bisherigen Messverfahren werden Daten von Zweispurfahrzeugen aus erhoben, sind dadurch teuer, veralten rasch und liegen nur für Hauptnetze vor.

Für Experten ein paar Stichpunkte aus der Toolchain (KNIME, Postgis, ST-Matching); Kontakt zu den Entwicklern vermittele ich sehr gern. Übrigens wird für  weitere Verbesserungen – und eine mögliche Markteinführung über Dresden hinaus – eine Finanzierungsstrategie gesucht.

Die Vorteile: Es erfolgt eine fortlaufende Datensammlung per App. Die Daten stehen anonymisiert nach Überspielung auf den Server zur Verfügung, geben Hinweise auf lokal begrenzte Veränderungen (Schlaglöcher, Deckensanierung) oder zeigen prozentuale Veränderungen in den Qualitätsklassen an. Damit steht ein stets aktuelles Controllinginstrument zur Verfügung. Sanierungen können zielgerichtet auf häufig genutzte Strecken konzentriert werden. Über Nutzungshäufigkeiten können verbesserte Prognosedaten generiert werden. Es gibt eine verbesserte Legitimation für einzelne Maßnahmen im Wegenetz.

Bildschirmfoto vom 2013-12-30 19_37_17

Messdatenabdeckung durch einen einzelnen Nutzer, Mittelung aus wenigsten 15 Messfahrten

Bildschirmfoto vom 2013-12-31 13_57_18

Abfrage einer Qualitätsstufe. Im Array können pro Messpunkt unterschiedliche Klassen und Häufigkeiten vorkommen. Mit dieser Abfrage wird noch nicht die häufigste Klasse bzw. ein Farbverlauf dargestellt. Classificationarray bietet die Möglichkeit zur Trendabfrage.

 

 

 

3 Antworten zu “Keine Angst mehr vor der „Kapitale des Kopfsteinpflasters“ – Ein innovatives Tool zeigt neue Wege für entspanntes Radfahren

  1. Im Rahmen des 12. Sächsischen GIS Forums hat das Projekt Cyface den Sächsischen GIS Award 2015 erhalten.
    http://gdi-sachsen.de/web/2015/forum/IMG_8861.jpg
    Herzlichen Glückwunsch!
    Ich hoffe nun, dass der Ansatz rasch für das Fahrradrouting und das Straßenmonitoring nutzbar wird.

  2. „Es ist die erste Messung dieser Art in Dresden. Seit 1995 sind Schäden bislang dreimal visuell erfasst worden, sagt Straßenbauamtschef Reinhard Koettnitz. Visuell steht in diesem Fall für eine mühselige händische Methode. Beauftragte des Straßenbauamts laufen auf die Straßen ab. Sichtbare Schäden tragen sie in Erfassungsbögen ein. Egal, ob Schlaglöcher, fehlende Pflastersteine oder Risse und Aufbrüche in der Asphaltdecke. Im Vergleich mit einer lückenlosen Kameradokumentation ist das ein äußerst ungenaues Verfahren. Rund 157 000 Euro lässt sich die Stadt deshalb die moderne Messung kosten, die am Ende über zwei Millionen Fotos liefert.“ Das ist lediglich der Kostenansatz für das Hauptnetz.
    http://www.sz-online.de/nachrichten/letzter-einsatz-des-schlagloch-orakels-3093728.html

  3. Die Idee finde ich klasse. Schön wäre es, wenn das smoothness-Tag in Openstreetmap automatisch gefüllt würde oder ein neues Tag dafür verwendet wird, ggf müssten dazu Kanten aber automatisch aufgeteilt werden, wenn sich diese Eigenschaft ändert. das fände ich wieder problematisch. Spannend finde ich auch die Frage, wie kalibriert wird. Die Bewegungssensoren sind in jedem Smartphone unterschiedlich sensibel und jedes Fahrrad unterschiedlich hart. Daher müssste es Kalibrierungsstrecken geben, wo man drüber fahren muss und anhand das Smartphone Korrekturfaktoren ermittelt. Letzteres würde das ganze Verfahren aber sehr unhandlich machen.

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